Christoph Schaden
Sechs Silben, drei Begriffe. Ein jeder für sich genommen schon wert, gleichsam seziert und mit eiskaltem Chirurgenblick analysiert zu werden: Wahl. Kampf. Rituale. Bilder tauchen auf, Erinnerungen werden wach. Stimmungen und Atmosphären. Gesten und Riten. Masse und Macht...
Im Zusammenklang eröffnet die Begriffstriade dann noch ein weiteres Vorstellungsbild, bei dem − merkwürdig genug − ebenso viel Vertrautes wie Befremdliches mitschwingt. Keine Frage, Wahlkampfrituale bedeutet in der Summe ein krudes Wort-Ungetüm. Auf kürzestem Wege vereint sich das Politische hierin mit dem Kriegerischen und dem Religiösen. Deswegen ist das Unbehagen, das dieses Sechssilbenwort auslöst und nur mühsam durch Interpunktionen abgemildert werden kann, so bezeichnend. Auch das Internet liefert hierfür einen trefflichen Beweis. Der Terminus „Wahlkampfritual“ verzeichnet insgesamt nur rund 100 (!) Google-Einträge, währenddessen sein bezeichneter Gegenstand zu den festen und tradierten Bestandteilen unseres westlichen Demokratieverständnisses zählt. Wir alle meinen ihn schließlich zu kennen, den Wahlkampf. Und wir alle kennen natürlich die Bilder, die längst Teil des Rituals geworden sind.
Wahlkämpfe stellen in unserer Gesellschaft "rituelle Inszenierungen des demokratischen Mythos" dar, schreibt Andreas Dörner. Dabei seien Rituale aber keinesfalls
Bernd Arnold, der hierzulande bereits seit 1984 Wahlkämpfe fotografiert, ist sich da nicht so sicher. Gleich zu Beginn unseres Gesprächs verweist der in Köln lebende Bildjournalist darauf, dass er in seiner Dokumentararbeit keinen Moment lang eine privilegierte Position gesucht habe. Ihm genügen in den Wahlkampfarenen vielmehr die für die Bildjournalisten zugewiesenen Areale, die den eigenen Standpunkt auf die Bühne einengen. Dass sich seine Bilder so spektakulär von denen seiner Kollegen unterscheiden, hat wohl mit einem gedanklichen Ansatz zu tun, der sich wiederum aus seiner Biografie ableiten lässt. Sein Vater habe als Ton-Ingenieur am Schauspielhaus Köln gearbeitet und die kindliche Konfrontation mit dieser Welt des Theaters habe ihn dann sicher für Inszenierungen jedweder Art sensibilisiert, lautet die Eigendiagnose. So macht Arnold selbst im Rückblick jene Suche nach dem theatralischen Moment im Realen als den eigentlichen Kern seines Schaffens aus. Bisher hat es ihn in so unterschiedliche Biotope wie Bordelle und Gotteshäuser, Fernsehstudios und Privatbanken geführt.
Natürlich hat auch Bernd Arnold vorformulierte Bilder im Sinn, wenn er an Wahlkampfauftritte denkt. Das seien aber nicht die klügeren, sondern die dümmeren, die lediglich eine zudienende Funktion einnehmen, sagt er. Es fallen dann, wie zu erwarten, die beiden Begriffe „Wiederholbarkeit“ und „Austauschbarkeit“ und das Gespräch wendet sich mit leisem Lamento hin „auf den Pawlowschen Reflex der Fotojournalisten, bei geeigneten Motivhäppchen zuzuschnappen,“ wie einmal Elke Grittmann den fatalen Mechanismus des Medienapparats in der Politik
Prägnanter ist sein Vorgehen wohl nicht zu beschreiben. Arnolds steten Impuls, gesellschaftlich relevante Rituale der Gegenwart zu erkunden, mag man vielleicht am besten als „visuelle Soziologie“ bezeichnen. Insbesondere die Bilder der sieben Bundestagswahlkämpfe, die er bisher begleitet hat, legen einen kalten Blick auf das komplexe Gewebe von ausgeklügelten Inszenierungsstrategien frei, um wie mit einem Seziermesser ins Innere, ja Wesenhafte dieses politischen Phänomens vorzudringen. Das tut nicht selten weh. Posen statt Verlautbarungen, Gesten statt Versprechungen, Mimen statt Worte treten unerwartet hervor, wenn eine uns sattsam bekannte Politikerelite in den Blickpunkt der Analyse gerät. Anschnitte, Blendungen und Leerstellen gehören hierbei zu den stilistischen Einsatzmitteln. Das anachronistische Schwarzweiß, wie man es aus der Reportagefotografie vergangener Tage kennt, wird hier ebenfalls instrumentalisiert, um Nebensächlichkeiten zu eliminieren. Das Bildresultat geht ins Mark: Denn das Theatralische der Politik verdichtet sich zu einer existentiellen Parabel über Maske und Mensch, über den unerbittlichen Willen zur Macht um den Preis von Leere und Einsamkeit.
Bernd Arnold hat seine Bildstrategien bereits Mitte der 90er Jahre verfeinert und hieraus eine eigene Handschrift entwickelt, wie dies im Fotojournalismus dieser Tage nur noch selten der Fall ist. Auf seine Einflussgrößen befragt, nennt er fast brav seine beiden Dortmunder Hochschullehrer Adolf Clemens, der Meisterschüler bei Otto Steinert war,
Anordnung ausgebreitet auf dem Boden. Der Blick schweift nach unten. Die beschwörende Hand von Strauß. Kohls physische Präsenz. Brand, in sich versenkt. Der herabgezogene Mundwinkel von Rau. Schröder, beschwörend. Merkel als Lichtgestalt. Stoiber. Westerwelle, verkniffen. Und immer wieder Lafontaine. Urplötzlich ist man doch wieder in einem historischen Zeitbild angelangt und spürt deutlich eine Last der jüngeren deutschen Geschichte. Sie ist alles andere als leicht, behaupten die Bilder. Doch kann man ihnen auch trauen? Bernd Arnold lächelt verschmitzt, denn einmal mehr sind wir in die Falle getappt. „Authentisch ist nicht der aufgenommene Moment, sondern lediglich seine Inszenierung“, gibt er zu denken. Wie recht der Mann doch hat.Publiziert im Freelens Magazin,
Nr. 30, 2010, S. 16-21, Hamburg.
Text © Dr. Christoph Schaden