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Autogrammstunde mit Gigi Anderson - Schlagerfans

Schlagerfans und Schlagerabend

Bühne Schlager FansWenn sie glauben, die kreischenden Fans der Backstreet Boys seien fanatisch, waren Sie noch nie auf einem echten deutschen Schlagerabend. Hier drehen fünfzigjährige Frauen durch, und Großmütter werden zu Groupies.

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SCHLAGER-GIRLIES

Von Guido Eckert

Frau Sinner singt. Sie winkt. Frau Sinner zieht ein weiteres weißes Papiertaschentuch aus der Packung und wedelt damit der Bühne entgegen. Papiertaschentücher fallen plump und schwer zusammen. Trotzdem schiebt sie das weiße Tuch unentwegt über ihrem Kopf durch die Schweißatmosphäre und singt. "Liebe", sagt daraufhin der kleine Sänger auf der Bühne und beugt sich in den epileptischen Applausbogen hinein. "Zärtlichkeit", sagt er. Er trägt ein violett glitzerndes Jacket und freut sich dreimal öffentlich auf dieser Bühne in der ausverkauften Dortmunder Westfalenhalle stehen zu dürfen. Er ist einer von achtzehn Interpreten bei der Großen Schlager-Starparade. "Und alles... wird wieder gut...", moderiert er. Applaus.

Frau Sinner trägt neue Schuhe an diesem Abend, "teure Schuhe", sagt sie, in rotem Leder, auf die sie auch mächtig stolz ist, obwohl sie eine Nummer zu groß sind. Die 55jährige Münsteranerin ist braungebrannt und sitzt mit bauchfreiem Top in der vorderen, seitlichen Rangreihe. Neben ihren beiden Freundinnen. Ohne Männer. Ihr Bauchwulst wölbt sich vor wie gedehnte Knetmasse. Die braune Nabelstelle sieht durch die Streckung künstlich aus, wiedraufgesteckt. Die Wulst pulsiert. Ihre Fingernägel sind knallig lackiert, aber merklich angeknabbert und nicht sauber. "Man muss die fiesen Tricks kennen, um zum Ziel zu kommen", sagt Frau Sinner, verabschiedet sich von ihren Freundinnen und macht einige Schritte auf die unscheinbare Stahltüre zu, die uns von den versteckten Zwischengängen der Westfalenhalle trennt, "die kennen nämlich nur wenige." Künstlicher Nebel wallt vor uns auf, von der Bühne herunter, und setzt sich trocken in der Nase fest. Der Nebel riecht nach Weihrauch, aber heute, an einem Sonntagnachmittag, passt das.

Hinter der Stahltüre steht dann nur eine Bretterbude. Auf Baustellen machen die Arbeiter in solchen Buden Pause. "Das wissen nur wenige, daß ER gleich hier ist", sagt Frau Sinner verschwörerisch, aber es sind offensichtlich immer noch genügend Frauen, die über dieses Expertenwissen verfügen. Und die den Rest des Tages an dieser Bude verbringen werden. Ungefähr fünfzig Frauen aus der ganzen Republik, sogar aus österreich, warten hier in den Katakomben der Dortmunder Westfalenhalle. Sie sind meist zwischen 45 und 70, mit angespannten Gesichtern, gebräunt, frisch frisierten Haaren und einem verschwiegenen, sich selbst uneingestandenen Wunsch. Vor einem Baucontainer. Angeblich warten die Frauen hier nur auf unregelmäßige Autogramme. Hinter uns perlt rhythmisch eine weitere Applauswelle und ein dumpfer Rhythmusbrei an der Stahlwand ab. "Manchmal muss man auch mal mit dem Ellbogen stupsen", sagt Frau Sinner, die schon bei ähnlichen Veranstaltungen in Köln und in Münster war, "aber es ist doch noch recht zivilisert." Neben Helga Sinner steht eine weitere, ungefähr gleichaltrige Katakombenvertraute in einem braunen Lederkostüm. Frau Sinner und die blonde Frau nicken sich kurz zu, sprechen aber nicht miteinander. "Aus Hamburg, glaube ich, die fährt auch zu jedem Konzert." Die vermutliche Hamburgerin hat auffällig dünne Beine. Knochige Knie. Sie trägt eine schwarze Strumpfhose und die Knie scheuern darunter weiß hervor, deutlich wie Scharniere. Auch sie ist braungebrannt und verteidigt ein buntverziertes Poesiealbum vor ihrer Brust. Für die Autogramme,die anscheinend vor allem Gekrackel sein müssen, wie ich mir das als Kinder auch immer vorgestellt habe, sonst ist ein Autogramm schließlich keine Künstlerunterschrift."Manche schreiben nicht", sagt Frau Sinner und ist darüber nicht nur enttäuscht, sondern richtig böse. Sänger müssen nämlich Freunde sein, vierundzwanzigstündig nett und freundlich und launenlos. "Im Herzen brennt ein Feuer", matscht es wieder dumpf an der Stahlwand herab, und immer wieder: "Liebe..."

Endlich öffnet sich neben der Plastikbude ein provisorischer Vorhang und es erscheint ein dunkelhaariger Mann. Es ist der Sänger der 'Paldauer' und die harrenden Frauen beißen sich tatsächlich abwechselnd auf die Lippen. Für einen kurzen Moment pflanzt sich mädchenhafte Hysterie durch den Gang. Die Frauen rücken näher an die Erscheinung, rufen seinen Namen, "Rico!", und offenbaren ihre Namensbücher wie ein Bekenntnis. Ohne daß die Atmosphäre weiter hochkocht und es zu einer ekstatischen Entladung kommt. Man ist schließlich kein dummes Mädchen. Man will nur ein Autogramm. Und einen Blick, also: "Rico...!" Der dunkelhaarige Sänger ist deshalb auch gnadenlos nett und freundlich und launenlos. Er trägt eine schwarze Lederhose, überträgt seinen unleserlichen Namen in verschwitzte Ringbuchvorlagen und lächelt vorbildlich. Das Autogramm scheint wie ein verlegener Akt der Berührung, belegt mit parfümgesüßter Melancholie. Immer wieder fahren die Frauen mit den Fingern über den neuen Namenszug. Und dann schmiegen sie sich noch in seinen Armum sich mit ihm zusammen fotografieren zu lassen. Mit auffällig geschlossenen Augen.

"Zärtlichkeit", haucht währenddessen ein neuer Sänger auf der Bühne der ausverkauften Westfalenhalle. über zehntausend Besucher warten dort im Grabendunkel, und diese Menge scheint auch den Interpreten unvorstellbar. Neuntausendneunhundert Fotoapparate folgen jeder ihrer Bewegungen. An den Saalseiten grölen und tanzen ausgelassen einige Oberstufengruppen. Es gibt ja schließlich eine Renaissace des Schlagers auch für junge Leute. Zumindest sagt man das so, also frage ich meine Nachbarin, ob vielleicht der verstärkte Mallorca-Urlaub damit zusammenhängen könnte. Moderner Schlager klingt zumindest immer so nach Ballermann-Delirium. Frau Brinkmann, meine 60jährige hennarote Sitznachbarin aus Essen versteht aber nicht so ganz, was ich mit einem solchen Schlagerrevival meine. Ratlosigkeit. Siebziger Jahre, sage ich, Michael Holm und Dieter Thomas Heck, Cindy & Bert und Schlaghosen, Rex Gildo und so, sage ich. "Das sind doch olle Kamellen", antwortet sie voller Ernst, "Rex Gildo und so, das ist doch Kitsch, und die sind ja auch gottseidank nicht hier". Frau Brinkmann ist auch weniger erheitert, als vielmehr angewidert von der Schülergruppe. "Daß die keiner rausschmeißt..." Obwohl die Jugendlichen nur saufen und grölen und Spaß haben. "Eklig." Bei jedem Interpreten ironische Rufe, sogar bei Patrick Lindner. "Eklig." Das versteht Frau Brinkmann nicht. Das will sie auch nicht. Patrick Lindner sei beispielsweise "himmlich". Ohne jede Ironie sagt sie das, was nicht vermittelbar ist. "Der hilft den Menschen. Da macht man keinen Spaß!" Patrick Lindner ist an diesem Ort und Tag kein Kitsch, sondern Ernst. Was nicht vermittelbar ist. Dessen Augen, schwärmt sie, dessen Lippen, dessen Wärme. "Ich geh deshalb bald nicht mehr zu diesen Großveranstaltungen, da sind zu viele junge Leute." Und sie schaut aggressiv, als wollten ihr diese junge Leute auch noch den Schlager nehmen. Und den Patrick. Also das Letzte, das sie noch hat. Das Einzige. "Der hat so warme Augen..." Wofür sie auch richtig kämpfen würde, für den Patrick würde sie noch einmal aufstehen und ihn verteidigen, "aber es sind doch sowieso alle gegen mich..."

Auch Frau Brinkmann trägt heute abend sogenannte teure Schuhe. Aber vorne an den Spitzen laufen tiefe Krater, die sich bis in das Gewebe hinein zu bohren scheinen. Dadurch wirken diese Schuhe irgendwie kaputt. Und Frau Brinkmann gähnt. Vicky Leandros verbeugt sich nämlich. Theoooo, wir fahrn nach Lodz..., singt sie. Und es klingt ungewohnt, beinahe schon unpassend. Richtig instrumentiert, mit einem orchestralen Vorspiel und einem überraschenden Aufbau. Frau Brinkmann gähnt zum dritten Mal. Interessanterweise kennen viele junge Menschen im Publikum dieses Lied nicht, und zusätzlich wird es auffallend still im Saal, weil der gewohnte Stampfrhytmus fehlt. Weil Schlagerfans anscheinend kein schlagerhistorisches Bewußtsein haben. Patrick Lindner isteben kein Erbe von Rex Gildo, Nicole existiert unabhängig von Roy Black. Siebziger-Jahre-Melodien klingen ungewohnt, beinahe überraschend, fast schon theatralisch. Jetziger Schlager ist eindeutig, kennt keine musikalische Gewöhnungsphase, ist hundertprozent elektronisch und unironisch. "Olle Kamelle..." Siebziger-Schnulzen haben dafür Herz. Und Schnulzen brauchen Pathos. Aber Herz und Pathos sind anscheinend Zeichen einer fernen Vergangenheit. Frau Brinkmann gähnt zum vierten Mal. "Das ist eben... alt", versucht sie zu begründen, warum sie beispielsweise Rex Gildo nicht mag und dafür die Flippers favorisiert. "Die sind eben im Fernsehen und Rex Gildo ist weg." Im deutschen Schlager ist eben kein Generationsvertrag geschlossen worden. Die Alten wollen das nicht. "Widerlich", sagt Frau Brinkmann auch in dem Moment, als sich einige Offensivtunten mit derben Witzeleien und Nicole-Fanclub-T-Shirts vorbeidrängen. Ironie ist verdächtig. "Widerlich..." Frau Brinkmann hat drei Haare vorne auf der Nasenspitze und ich muss immer dahin schauen.

Die ganze Zeit über tanzen Frauen alleine hinten in der Halle, im Dunkeln. Dunkel wummert der monotone Synthesizersound, und es gibt irgendwie keine Männer. Eine Halle voller Einsamkeit. Die wenigen Einzelmänner sitzen einfach nur herum, wie vor dem Fernseher. Ohne mitzusingen. Es sind Mitgehmänner. Einzelmänner schauen gewohnheitsmäßig zwischendurch auf die Uhr. Sie tragen gerne Jeans mit Krawatte. Einer zieht aus seiner hinteren Hosentasche eine kleingefaltete Quadratplastiktüte. Feingefaltet, bis auf Vokabelheftgröße, um das Programmheft einzulegen. Mitgehmänner stehen auch mit verschränkten Armen hinter ihren Frauen, als seien sie deren Leibwächter. "Ohne Liebe gehts nicht", fordert oben nun ein neuer kleiner Sänger von der Bühne herab, und es sind die Frauen, die an dieser Stelle punktgleich nicken. Ernst. Ohne Lächeln. Im deutschen Schlagergut verlassen Frauen und Männer einander, ohne wenigstens noch ein letztes Wort zu sagen. Gerade im Sommer. Einfach so, nach einer hitzigen Nacht. Zumindest in den Liedern scheint viel zu passieren, während deutscher Urlaubsfahrten. Und es lauert dahinter ein Abgrund von Melancholie und Einsamkeit, der nirgens sonst noch Sprache findet. "Laßt uns einfach zärtlich sein", wechseln vorne viertelstündlich die Interpreten. Die Große Schlager-Starparade in der Westfalenhalle ist einer der Höhepunkte im Schlager-Jahreskalender, weil hier über zwölf Stunden hinweg ein Querschnitt durch die Ausstoßproduktion angeboten wird. Nicht nur ein Interpret für anderthalb Stunden, sondern achtzehn Barden bis in die Nacht...

Um die Geister der Einsamkeit zu vertreiben, stellen sich die österreicher 'Brunner und Brunner' im Holzfällerhemd und Sozialarbeiterlook dem Publikum. Schulterlange Haare, wie die meisten Schlagersänger, und ebenso unscheinbar. Fast schon ungepflegt. Frau Brinkmann klatscht aber begeistert gegen den Rhythmus. Das Erstaunliche ist wahrscheinlich gar nicht so sehr, daß es noch deutschen Schlager gibt, sondern daß diese Sänger von eben diesem Publikum gehört werden. Als ob nur 'Schlager' als Prädikat in der Vormoderation anklingen müsse, der Liedtext deutsch bleibt, und die Ausgestossenen ein Zuhause finden. Wobei eines noch Grundvoraussetzung ist: Diejenigen, die singen, müssen immer die Verlassenen sein. Und es wird viel verlassen. Und viel geweint.

"Die Leute halten mich für verrückt, daß ich so ein Fan von G. G. Anderson bin." Regina Büsch reckt und geniert sich auch dergestalt, als ob sie bald in die Psychiatrie eingeliefert wird. Sie dreht sich vor der Bühne, im Körperpulk, unentwegt zur Seite. Frau Büsch trägt eine rote Hornbrille im Gewühl, die Brillenbügel seitlich über den Haaren, nicht direkt auf dem Ohr. Sie ist 56 Jahre alt und eine der wenigen älteren Frauen am Bühnenrand, in der Masse. Und sie ist sehr nervös, weil ich ihr Fragen stelle. Sie trägt Turnschuhe, zu einem weißen Trägerkleid, weil ihre schönen Schuhe kaputt sind, und sie sich in Turnschuhen automatisch "lässig" fühle, wie über den Dingen stehend. Durch den weichen Gang. Ihr weißes Kleid wedelt bei jedem Hüftschwung, und unten, an ihren sonnenbankgebräunten Fesseln, wuselt schwarzes Büschelhaar. Aber nur bis zum Schienbein. Wie dunkle Halbstrümpfe. "Ich weiß auch nicht, warum ich so verrückt bin... Seit Jahren schon." Dreht sie sich, und Schlager scheint das einzige Feld, wo man als deutsche Frau ein wenig wunderlich werden kann. Ein ganz klein wenig zumindest. Als Schlagerfan darf eine Frau vor ihren Nachbarn laut singen und von anderen Männern schwärmen, denen Briefe und Stoffbären kaufen, und mehrmals im Jahr in andere Städte fahren. Und öffentlich träumen.

Während Frau Büsch spricht, greift sie sich selber unentwegt an die Hände, als müsse sie ihre Aufgregtheit kontrollieren. "Mit 15 war ich schon verrückt nach Musik... Peter Kraus, der Bravo-Starschnitt... Meine Mutter war erschrocken und hat mich verprügelt. " Frau Büsch ist in einem kleinen Ort zwischen Köln und Düsseldorf geboren, und lebt auch heute nicht weit davon entfernt, in der Eifel. "Nach Peter Kraus kam Caterina Valente, dann Roy Black. Der aber bis heute hin." Trotz Tod. Eine kurzeVerehrungspause gab es eigentlich nur in den ersten Monaten nach ihrer Heirat. Als junge Ehefrau musste sie auch zum ersten Mal darauf verzichten Fotos und Poster von Schlagersängern aufzuhängen. Heimlich hat sie Roy Black aber trotzdem die Treue gehalten. "Kurz vor seinem Tod habe ich ihn sogar viermal gesehen." Viermal, betont sie zweimal, als sei es eine schicksalshafte Zahl mit mythologischer Aufladung. Als wäre ein fünfmaliges Treffen schon unbedeutend gewesen. "Das waren ganz besondere Tage für mich..." Es war die Absturzzeit von Roy Black, als er nur noch vollgedröhnt in der Provinz tingelte. "Zuhause ist aber heute alles voll mit Fotos von Gigi.... und natürlich auch von Vater und Sohn." Wenn der Sohn mal auszieht, dann wird sie das ganze Zimmer mit G.G. Anderson und Roy Black füllen. Und was sagt eigentlich ihr Mann dazu?, frage ich. "Der Sohn hört andere Gruppen", antwortet Frau Büsch, "der Sohn hört BAP". Sie habe alle Zeitungsausschnitte mit und alle Schallplatten von Gigi gesammelt, und fahre möglichst zu jedem seiner Konzert im Umland. Und ihr Mann? frage ich. "Mein Mann arbeitet in der Gastronomie", antwortet sie, "mein Sohn in einem großen Kaufhaus." Ihre Tochter ist 35, ihr Sohn ist 26. Zusammen mit ihrem Mann hatte sie auch mal eine kleine Gaststätte, auch nicht weit entfernt von ihrem Geburtsort, aber das war irgendwann zu anstrengend. Und sie sei kein Nachtmensch. "Ich gebe wirklich alles für Gigi", sagt sie trocken. Ohne Pathos. G.G. Anderson heißt bürgerlich Gerd Grabowski. Frau Büsch hat auch alle Lokalradiosendungen aufgenommen, in denen sie Grüße verschickt. Mit Gigis Liedern. Und all das zusammen mit den Schallplatten und den hunderten Autogrammen und den Zeitungsausschnitten zuhause wie auf einem Altar gestapelt. Mit Blumen und Kerzen umgrenzt.

"Ich bin wahrscheinlich ein bisschen verrückt...", wiederholt sie sich, "aber das istRotes Kreuz und erste Hilfe Schlagerfans doch nicht schlimm.... Oder?" Hinter ihr tanzt unbeirrt eine Frau mit ihrer Körperachse. Alleine. Auf ihrem Kopf trägt sie rotblinkende Teufelshörnchen. Vorne auf der Bühne wird inzwischen auch durch das Mikrofon geküßt. Zwei Interpreten, die angeblich sogar miteinander liiert sind, werden sich auf der Bühne einen Kuß geben. Vor zwanzigtausend Augen. Was genauestens gesteuert und choreographiert werden muss, um die Liebessucht der Zuschauer nicht zu blanker Wut brodeln zu lassen. Ein genau dosierter Freundschaftsschmatzer hallt knacksend durch die Wattboxen. Als der Kußapplaus ungeahnt anschwillt, steht einer der wenigen Männer vor seiner Frau, in der Freßstandgasse, um sie auf Video zu filmen. In dem Applausmoment fällt ihr vor Schreck das gekaufte Bratwurstbrötchen vom Papptellerchen. Aber sie lächelt tapfer und blickt in die unbeirrte Kamera. Sie hält den weißen Pappteller, als sei er hochgefüllt, und steht einfach weiter steif vor der männlichen Kamera. "Zärtlichkeit.", sagt dabei obenwieder ein neuer Sänger. Nach dem Kuß. Und eröffnet einen neuen Stampfrhythmus. Im ganzen Saal schwingen daraufhin die Leuchtwedel rhyrhmisch wie Scheibenwischer. "Träum dich so richtig aus!", brüllt eine Frau ihrer Freundin entgegen, "träum dich einfach so richtig aus... Heute geht das!"

Text © Guido Eckert