Über den Fotografen Bernd Arnold
Die kurzatmige Version
Aschermittwoch in einem Kölner "Beichtstuhl" zur Welt gekommen – leider evangelisch.

Bernd Arnold studierte von 1983 bis 1990 Fotografie an der Fachhochschule Dortmund. Seit Mitte der 1980er Jahre arbeitet er als Fotograf für Magazine und Zeitungen und an freien fotografischen Projekten. Aus diesen unterschiedlichen Entstehungszusammenhängen entwickelten sich über die Jahre Zyklen und Serien, Bücher, Ausstellungen und Texte.
Die fotografischen Arbeiten reichen von Macht und Ritualen über Portraits, Städte und Landschaften bis zu Stille, Fotomontage, Collagen und Dichografie. Seit seinen ersten Überlegungen zum digitalen Bild im Jahr 1988 beschäftigt ihn dabei immer wieder die Frage nach dem Verhältnis von Wirklichkeit, Wahrnehmung und Fotografie.
Bernd Arnold lebt und arbeitet in Köln.
Die langatmige Version
Aschermittwoch in einem Kölner "Beichtstuhl" zur Welt gekommen – leider evangelisch.
Vielleicht verdunkelte sich deshalb an diesem Tag die Sonne. Das Schauspiel jener Sonnenfinsternis war wieder und wieder in zahllosen Lichtspieltheatern auf aller Welt zu sehen: Auf Zelluloid gebannt bildete es den Hintergrund für die Kreuzigungsszene im Kinofilm Barabbas.
Es ist anzunehmen: Dies war die Ursache für Arnolds spätere Berufung zum Fotografen und seine stetige Suche nach Licht.
1983-1990 Studium der Fotografie an der FH Dortmund bei Prof. Hans Meyer-Veden und Prof. Adolf Clemens. 1987-1990 freie Mitarbeit für den Kölner Stadtanzeiger und die Kölner Illustrierte. Ab 1989 erste Auftragsarbeiten für den STERN und das ZEITmagazin. 1990 verlor der junge Fotograf leider seinen Studentenstatus mit der Diplomarbeit Nacht im Milieu, die sich mit dem Nachtleben und Halbweltmilieu im Kölner Friesenviertel und Eigelstein beschäftigte.
Ab 1990 Hospitanz in der Bildredaktion DIE ZEIT. Gründung der Fotografengruppe ZAMPANOS, die sich mit ihren Restbeständen von drei Fotografen geschlossen zur damals noch unscheinbaren Fotografenagentur laif gesellte.
1993 wurden Fotografien aus Das Kölner Heil und Nacht im Milieu erstmals in der Ausstellung und Edition »Sakrament und Sünde. Rituale« gegenübergestellt. Aus dieser Verbindung der beiden scheinbar entgegengesetzten Welten entwickelte sich später der Zyklus Macht und Ritual. In den folgenden Jahren entwickelte sich daraus eine immer intensivere Beschäftigung mit den äußeren Erscheinungsformen von Macht und jenen Strukturen, in denen ritualisierte Verhaltensweisen und Konstellationen der Beteiligten in ihren Beziehungen und Begegnungen sichtbar werden. Neben der zauberhaften Welt des Eros waren die weiteren Themen der Katholizismus in Köln, die Inszenierungen des demokratischen Wahlkampfes zur Findung des Kanzlers, die Gipfel der Weltwirtschaft und das Innenleben der Fernsehwelt.
1997 entstand in Zusammenarbeit mit Winfried Heininger, Markus und Christoph Schaden im Schaden Verlag die Monographie Das Kölner Heil.
1998 folgte dann der Wechsel zur Agentur für Fotografie VISUM. Immer wieder entstanden im Auftrag Portraits, Portraitserien und Reportagen für Magazine und Zeitungen wie Capital, Der Spiegel, Die Zeit, Financial Times Deutschland, Focus, GEO, Impulse, Merian, Neue Zürcher Zeitung, Playboy, STERN, taz, ZEITmagazin und viele andere.


In den Jahren 1998 bis 2006 entwickelt Bernd Arnold in Zusammenarbeit mit Franz und Nadia van der Grinten in deren Kölner Galerie mehrere Projekte und Editionen. Die Ausstellungen Wahlkampfrituale und Wirtschaftsgipfel verbanden das Konzept einer Illustrierten mit dem Konzept einer Galerie. Unter dem Aspekt »Illustrierte zum Reingehen« entstanden Ausstellungen, die sich täglich durch neue Fotografien veränderten. Gleichzeitig wurden die am aktuellen Geschehen orientierten Bilder durch die Wirkung des Raumes in einen anderen Kontext gerückt. Dabei wurden nicht nur die ausgewählten Fotografien gezeigt, sondern auch der Arbeitsprozess mit Kontakten, Arbeitsabzügen, Publikationen und Konzept offengelegt.
Im Februar 2000 geht www.berndarnold.de mit dem aktuellen Design der horizontalen Sichtung ins Netz. Die Inhalte und Größe der Bilder wachsen beharrlich und die Seiten lassen sich nun fröhlich "responsieren" (seit 2021).
Ein weiterer Schwerpunkt entwickelt sich seit Mitte der 1980er Jahre in den Portraits und Portraitserien. In Serien angelegt, reflektieren sie immer wieder das Motiv der »Unbedeutenden Persönlichkeiten«. Ihre Ordnung folgt nicht der gesellschaftlichen Bedeutung der Portraitierten, sondern den jeweiligen Entstehungszusammenhängen der Fotografien. Ihre Spannung liegt im Wechselspiel portraitierter Bekannter und bekannter Persönlichkeiten, von Nähe und Distanz. Es ist immer wieder der von neuem gemachte Versuch, jenen Moment einer Begegnung so festzuhalten, dass er als vergangene Wirklichkeit noch atmosphärisch spürbar bleibt.
Über das Buch- und Portraitprojekt Theaterszene Köln (im Auftrag der SK Stiftung Kultur) entwickelt sich ab 2001 mit Inka Neubert und ihrem Theaterensemble INTEATA eine Zusammenarbeit, die neben der Theaterfotografie auch die Produktion des Bühnenbildes in Form einer Projektion zu Lagarce Liebesgeschichte (Letzte Kapitel) beinhaltet. Unter anderem ist hier der Bühnenraum abfotografiert und wird wieder auf die Bühne projiziert und im weiteren Verlauf immer stärker verschachtelt. Schauspieler verlassen ihre Positionen und an deren Stelle bleiben ihre Abbildungen stehen.
Seit 2004 Berufenes Mitglied Deutsche Gesellschaft für Photographie (DGPh). Seit 2006 Mitglied Deutsche Fotografische Akademie (DFA). Hier stellt sich sogleich die Frage nach der richtigen Schreibweise: Photographie oder Fotografie?
Neben den Werkgruppen Macht und Ritual und Unbedeutende Persönlichkeiten entsteht seit 2005 aus verschiedenen Serien der Zyklus Black East Wild West. Die Szenerien der Fotografien finden sich an Schnittstellen vom Weltlichen zum Sakralen, entlang heutiger Portale, die zur Erlösung einladen, und an Orten mimetischen Begehrens, des Schwundes und des Wachstums. Im Zusammenwirken menschlicher Heilsuchen, losgelöst vom metaphysischen Grund, und überhitzender Beschleunigungen verändern sich die Atmosphären bewegter Menschen, sich bewegender Massen und Orte ereignisloser Zustände beständig. Mit Wild West I – Szenerien des Verlassens und Wild West II – Schwund und Wachstum führt der Zyklus schließlich zu verlassenen Orten, Braunkohleabbau, Energiebedarf und den wachsenden digitalen Welten. Die Fotografien der sechs Serien entstanden zwischen 2005 und 2019.

Im Oktober 2013 erschien in Zusammenarbeit mit Christoph Schaden und dem Grafiker Knut Schötteldreier im Verlag Edition Panorama der Bildband Wahl Kampf Ritual aus dem Zyklus Macht und Ritual. Die Arbeit wurde über die folgenden Jahre fortgeführt, umfasst heute elf Bundestagswahlkämpfe von 1987 bis 2025 und ist mit der letzten Bundestagswahl 2025 abgeschlossen.

Im aktuellen und zugleich ältesten Zyklus Digitalis und Dichografien wird in verschiedenen Serien aus unterschiedlichen Richtungen der Übergang vom analogen ins digitale Zeitalter und die damit einhergehende Veränderung der Wahrnehmung von Fotografie beiläufig dokumentiert. Was zunächst als Frage nach der Digitalisierung und Veränderbarkeit fotografischer Bilder seinen Anlauf nahm, führte mit der Entwicklung KI-generierter Bilder zu einer zweiten, grundsätzlich anderen Frage: Was bleibt von der Fotografie, wenn ihr sichtbarer Anschein erzeugt werden kann, ohne dass eine fotografische Begegnung mit einer vorgefundenen Wirklichkeit stattgefunden hat?
Bereits während des Studiums stand in der theoretischen Arbeit Lady Di und der Neue Fotograf (1988) die Frage im Raum, was den Kern der Fotografie ausmacht und wie sich Digitalisierung und zunehmende Veränderbarkeit der Bilder auf die Wahrnehmung der Fotografie auswirken würden.
Die technologischen Entwicklungen im Laufe der Jahrzehnte führten zu weiteren Überlegungen, die in So habe ich es gesehen (2021) und Die Welt der Neuen Bilder (2023) in Wort und Bild publiziert wurden. In »So habe ich es gesehen« entstanden noch manuell zusammengesetzte Imitationen von Fotografien. Mit Die Welt der Neuen Bilder rückten zunehmend synthetisch erzeugte Bilder und die Frage nach ihrer Herkunft in den Mittelpunkt. Für Bilder, die wie Fotografien erscheinen können, ohne aus einem fotografischen Vorgang hervorgegangen zu sein, entwickelte Arnold den Begriff der Dichografie.
Mit der alles verändernden Entwicklung der »KI-Generatoren« haben sich viele der in diesen Arbeiten aufgeworfenen Fragen weiter verschärft. 2026 erschien im morisel Verlag der Essayband Über die Zukunft der Fotografie – Im Zeitalter künstlicher Intelligenzen. Darin werden die Überlegungen zum Verhältnis von Wahrnehmung, fotografischer Spur und synthetisch erzeugtem Bild weitergeführt und die Fotografie erneut von ihrem Wirklichkeitsbezug her betrachtet: als Bild, dessen Entstehung an eine Begegnung mit einer vorgefundenen Wirklichkeit gebunden ist.
Bernd Arnold lebt und arbeitet in Köln.
