Dunkle Städte helle Stätten
Budapest und Budapester Bäder
1988–1991
Aus mir unerfindlichen Gründen zog es mich Mitte der 1980er Jahre nach Budapest. Vielleicht war es die selbstbewusste Art der Schauspielerin Liselotte Pulver im Spielfilm »Ich denke oft an Piroschka« oder das zu jener Zeit erschienene Merian-Heft »Ungarn«, die eine bestimmte Imagination von Budapest in mir entstehen ließen. Vielleicht waren es auch nur die Erlebnisse aus Ungarn, von denen Adolf Clemens während meiner Studienzeit berichtete.
Doch zu meiner Vorstellung stellte sich Budapest gänzlich anders dar. Schon bei der Einfahrt in den Ostbahnhof wurde deutlich, dass auch hier der Sozialismus seine Spuren hinterlassen hatte. Auch hier war die Kluft zwischen Armut und Reichtum unübersehbar, auch wenn der Reichtum nicht so prunkvoll hoch angesiedelt war wie im Westen.
Gemeinsam mit dem ungarischen Kollegen Attila Kleb zog ich durch die Budapester Bäder, jeder seine eigenen Fotografien findend. Das Gellért-Bad war erst wenige Jahre zuvor aufwendig restauriert worden, galt als Vorzeigeobjekt Ungarns und den Besuch konnten sich meist nur Touristen leisten. In den alten türkischen Thermalbädern Király, Rácz oder Rudas traf man dagegen seinerzeit noch viele Einheimische, für die diese Bäder noch immer ein wichtiger Ort der Körperpflege waren. 
So waren es statt »Piroschka« ältere Herren mit müden Gesichtern, die dort auf ihr Bad warteten, denen ich unvermutet begegnete.
Ein dokumentarischer Blick auf Budapest in den Jahren 1988–1991.
Cibachrome-Prints, 20 × 30 cm, sig., st., 1988.