Digitalis – Digitale Alteration
Raumforderung oder was ist Faschismus?
15-teilige Arbeit über den aktuellen Schmerz, Februar bis Juli 2022, Köln
Ausgangspunkt der Arbeit sind Fotografien von Wolken, deren sichtbare Erscheinung ich digital so weit alterierte und teilweise retuschierte, dass ihr fotografischer Ursprung kaum noch erkennbar ist.
In »Raumforderung« verknüpfe ich die von Umberto Eco in seinem Vortrag »Der ewige Faschismus« beschriebenen 14 Merkmale des Ur-Faschismus mit meinen – natürlich subjektiven – Beobachtungen der Erscheinungsformen des Faschismus im Frühjahr und Sommer 2022.
Die jeweiligen Bilder zu den Texten sind innerhalb der Serie austauschbar und haben nur eine Botschaft: Schmerz.
Die Arbeit erschien 2022 als
Künstlerzeitung Nr. 4
Raumforderung oder was ist Faschismus
24. Februar 2022
Kürzlich haben sich Xi Jinping und Wladimir Putin eine »Freundschaft ohne Grenzen« versprochen. Das klingt jetzt ziemlich übel.
1 Kult der Überlieferung
Splitter der Weisheit
Der Faschismus zieht für seine Ideologie Versatzstücke aus unterschiedlichen Religionen, Glaubens- und Kultformen. Die Vermischung von Okkultismus, Heiligem Gral, Alchemie, dem römischen Reich, Zarenreich, New Age oder Anderem ist ein Synkretismus. Die einzelnen Splitter der Weisheit verweisen, trotz aller Widersprüche »[…] allegorisch auf eine Ur-Wahrheit. Infolgedessen kann es keinen Fortschritt des Wissens geben. Die Wahrheit ist ein für alle Mal offenbart worden, und wir können nur fortfahren, ihre dunklen Botschaften zu interpretieren.« (Eco S. 30)
Das neue Gesicht des Faschismus lächelt freundlich. Die Anhänger beflügeln sich gegenseitig. In ihrer Anbetung einer brutalen Diktatur umkreisen sie tanzend und singend das imaginäre Höllenfeuer.
2 Traditionalismus
Die Ablehnung der Moderne
Der Traditionalismus steht im Widerspruch zur modernen Welt. Trotzdem kann technologischer Fortschritt für den prunkvollen Konsum vereinnahmt werden. »Die Aufklärung und das Zeitalter der Vernunft wurden als Beginn der modernen Verderbnis gesehen. In diesem Sinne lässt sich der Ur-Faschismus als Irrationalismus definieren.« (Eco S. 32)
Der aktuelle Krieg ist nicht nur eine Auseinandersetzung von Demokratie und Autokratie, sondern auch ein Kampf um die Vormachtstellung der Geschlechter. West und Ost haben sich hier komplett auseinanderentwickelt. Den erheblichen weiblichen Anteil am Widerstand in der europäischen Politik gegen die kriegsführende Macht haben die Eliten der Autokratie offensichtlich völlig falsch eingeschätzt.
3 Irrationalismus
Kult der Aktion um der Aktion willen
»Damit eine Aktion an sich schön ist, muss sie ohne jedes vorherige Nachdenken erfolgen.« Im Faschismus ist Denken eine Form von Kastration. (Eco S. 32)
Im neuen Faschismus werden die besonderen Vorzüge der Rechtlosigkeit mit einem zurückhaltenden Lächeln, weisen Gesten und scheinbar wissenschaftlicher Expertise erklärt: »Dinge verbieten zu lassen ist die höchste Form der Freiheit! Und Rechte zu haben ist die höchste Form der Unfreiheit! Je mehr Rechte – desto weniger Freiheit!« (J. Misulina, ehem. Duma Abgeordnete, sinngemäß)
4 Synkretistischer Glaube
Dissens ist Verrat
Der kritische Geist in modernen Gesellschaften trifft Unterscheidungen und befürwortet den Dissens als Mittel zur Vermehrung von Wissen. Jedoch: »Kein synkretistischer Glaube kann Kritik hinnehmen. […] Für den Ur-Faschismus ist Dissens Verrat.« (Eco S.33)
Ein Parlament hat für eine Gesetzesänderung gestimmt, mit der die Verbreitung von Falschinformationen über die Streitkräfte mit bis zu 15 Jahren Haft bestraft werden kann. Müssen nun der Präsident dieses Landes und sein Regierungssprecher verhaftet werden?
5 Angst vor dem Andersartigen
Vertiefung und Ausbeutung
Die Angst vor Andersartigem wird vertieft, um den Ur-Faschismus wachsen zu lassen. Da Dissens immer auch ein Zeichen von Vielfalt ist, kann im Faschismus Vielfalt nicht geduldet werden. (Eco S.33)
Eine Gleichschaltung der Medien sorgt für Konsens. Spätestens mit der Ermordung von Anna Politkowskaja hätte den Menschen in demokratischen Gesellschaften dämmern müssen, dass ihr Heimatland auf dem Weg in eine Autokratie ist.
6 Appell an die Frustrierten
Krise und Demütigung
»Der Ur-Faschismus entspringt individueller oder gesellschaftlicher Frustration.« (Eco S.33)
Aber auch der Faschismus endet wiederum in Demütigung und Frustration. Die Moderatoren und Experten der TV-Talkshows haben dann nichts mehr zu verlieren. Sie sind erschöpft. Sie haben sich den Sieg bis zum Wahnsinn eingeredet und merken zunehmend, dass alles Unsinn ist. Alle Träume haben sich in Luft aufgelöst, auch die privaten, wie z. B. der Blick aus einer eigenen Villa auf den Lago Maggiore.
7 Nationalismen
Die Feinde geben der Nation eine Identität
»Denen, die jeder gesellschaftlichen Identität beraubt sind, sagt der Ur-Faschismus, dass ihr einziges Privileg das allgemeinste von allen ist, nämlich im selben Lande geboren zu sein.« (Eco S.34)
Der neue Faschismus ist im modernen Gewand einer lockeren jungen Entertainment Show und unter einem Fahnenmeer choreografiert. Und wieder zeigt sich: Macht und Ritual bedingen einander und geben Hinweise auf die Strukturen einer Hierarchie.
8 Zu stark und zu schwach
Der rhetorische Brennpunkt
»So kommt es, dass die Feinde durch ständige Verlagerung des rhetorischen Brennpunkts gleichzeitig zu stark und zu schwach sind. […] Die Faschismen sind dazu verurteilt, ihre Kriege zu verlieren, weil sie konstitutionell unfähig sind, die Stärke des Feindes richtig einzuschätzen.« (Eco S.34)
Das neue Gesicht des Faschismus ruft nicht in einem Sportpalast den »totalen Krieg« aus, sondern sitzt in Talk-Shows und referiert im Habitus eines Experten über die besten Möglichkeiten der Zerstörung und Auslöschung einer Nation.
9 Kollaboration mit dem Feind
Leben für den Kampf
Die Feinde müssen im Endkampf besiegt werden. Doch der Sieg und die Weltherrschaft implizieren eine anschließende Zeit des Friedens, die aber dem Prinzip des permanenten Krieges, dem Leben für den Kampf, widerspricht. »Keinem faschistischen Führer ist es jemals gelungen, diesen Widerspruch aufzulösen.« (Eco S.35)
Der Angriff auf ein vermeintliches Brudervolk ist zugleich eine Kollaboration mit dem Feind. Denn er gibt dem Leben des Angreifers einen Sinn. Auch muss im Angesicht des aktuellen Krieges der Begriff »Kollaboration« aus der modernen Welt der Schönen Künste wieder an die freien Mitarbeiter faschistischer Besatzungsmächte zurückgegeben werden.
10 Elitedenken
Verachtung der Schwachen
Das völkische Elitedenken ist ein typischer Aspekt jeder reaktionären Ideologie. Der Führer weiß, seine Stärke beruht auf der Schwäche der Massen. »Jeder Bürger gehört zum besten Volk der Welt, […] jeder Unterführer verachtet die eigenen Untergebenen, und jeder von diesen verachtet die unter ihm Stehenden.« (Eco S.36)
Im alten wie im neuen Faschismus steht der Führer an der Spitze der Schwachen und hat die Macht, einen selbst entfachten Angriffskrieg sofort und auf der Stelle zu beenden. In seinem Land gibt es keine Institution, die ihm das genehmigen muss oder ihn daran hindern könnte.
11 Heldentod
Warten auf den Tod
Der Heldentod ist ein übernatürliches Glück. Es ist die Belohnung für ein ungeduldiges Warten auf den Tod. In der Ungeduld des urfaschistischen Helden gelingt es diesem nicht selten, »andere in den Tod zu schicken«. (Eco S.36)
Ein Graffiti mit dem bekannten spanischen Fußballstar Sergio Ramos wird in einer russischen Stadt mit dem Portrait eines im Angriffskrieg gefallenen Majors übermalt.
12 Machismo
Gewalt schlägt jedes Argument
»Der Ur-Faschist überträgt seinen Willen zur Macht auf das sexuelle Gebiet. […] Da aber auch Sexualität ein schwieriges Spiel ist, neigt der urfaschistische Held zum Spiel mit Waffen, […]« (Eco S.37)
In einer totalitären Weltmacht kann ein Führer seine Lösungsansätze und Verhandlungsoptionen für einen Konflikt mit Aphorismen oder Sprichwörtern umreißen: »Ob es dir gefällt oder nicht, ertrag es, meine Schöne.«
13 Selektiver Populismus
Monolithische Entität
Das Individuum hat keine Rechte. Das Volk »ist die monolithische Entität, die den gemeinsamen Willen aller zum Ausdruck bringt.« Das Volksganze ist jedoch Theaterfiktion. Der Führer ist der Interpret des Ganzen. (Eco S. 37)
Im Faschismus kann angesammeltes Nichtwissen jederzeit durch neu gewonnenes noch unbekanntes Nichtwissen ersetzt oder bereichert werden. So kann ein Direktor der Raumfahrt in einer Nachrichtensendung nüchtern erläutern, dass das Drucken von Geld den Verlust von Vermögen, der durch Sanktionen entstehen könnte, ausgleicht.
14 Newspeak
Karussell der Illusionisten
»[…] bedienten sich eines verarmten Vokabulars und einer versimpelten Syntax, um das Instrumentarium für komplexes und kritisches Denken zu begrenzen.« (Eco S.38)
In einer gleichgeschalteten Medienwelt ist alles möglich. In diesem Karussell der Illusionisten kann eine Wahl für gefälscht oder eine gefälschte Wahl für ordnungsgemäß erklärt werden. Wenn Wahrnehmung von Wirklichkeit deformiert, entkernt und neu konstruiert wird, so kann die Erde, falls nötig, wieder eine Scheibe sein.