Ist die Erde eine Mattscheibe?
Rituale aus der Fernsehwelt
Das Fernsehen galt 1996, ähnlich wie zuvor der Fotojournalismus, als das »Fenster zur Welt«. In seinen Anfängen stand das Medium noch als Sinnbild für einen Aufbruch in ein neues, besseres Zeitalter. In jener analogen Fernsehwelt bestimmten nur wenige Sender weitgehend unangefochten, welche Bilder und Nachrichten ein Millionenpublikum erreichten, während das Wachstum der Printmedien nur noch wenige Jahre anhalten würde. Die mediale Wirklichkeit entwickelte in diesem Zusammenwirken ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten, die bereits in einer scheinbar unüberschaubaren Informations- und Bilderflut ihren Ausdruck fanden.
Im Gegensatz zum Fotojournalismus, der sich meist im »wahren« Leben bewegt, werden in Fernsehstudios Wirklichkeiten für die Kameras inszeniert. Indem ich mich als subjektiver »Filter« zwischen Kamera und Inszenierung stellte, verwandelte sich der Fluss der Bilder, mit denen das Fernsehen täglich das »Fenster zur Welt« öffnete, für einen kurzen Moment in eine Welt der stillen Bilder, in der die Rituale hinter den Bildern sichtbar werden.
Television – Rituale aus der Fernsehwelt
Die vielen bitteren Pillen des Weltgeschehens werden uns durch eine telegene Aufbereitung genießbar gemacht. Im Takt des roten Kameralichts lächelnd, jonglieren uns nonchalante Moderatoren lässig die »harten Fakten« entgegen. Aber auch die Profi-Lächler sind nur Tropfen in der großen Wolke der Fernsehindustrie, die uns die Welt vernebelt. Denn der Standard-Appell vor jeder kleinen Pause, »Bleiben Sie dran – wir zählen auf Sie!«, meint tatsächlich nur, daß man mit uns rechnet – in Form von Einschaltquoten natürlich! So schließt sich der Kreis, wenn wir Konsumenten zum Produkt werden, das an die Werbewirtschaft verdealt wird.

Die Konsequenz: Totalverweigerung? Abschalten? Aber weil beim Fernsehen ja alles möglich ist: Beamen wir uns doch einen wahrhaft weisen Menschen, wie den antiken V.I.P Sokrates, vor unseren Bildschirm des 20. Jahrhunderts. Vielleicht würde der sich entspannt im Sessel zurücklehnen, neugierig durch die Programme zappen und endlich zu dem Schluß gelangen: »Ich sehe, daß ich nichts sehe!«
Text: © Verena Hopp
Vintage Silbergelatineabzüge, unterschiedliche Formate 24x30cm bis 80x120cm, sig., stemp., 1996, 2004
Bild rechts/folgend: Ausstellung im Kunsthaus Rhenania, Köln Sept. 1996,
Fotografie Silbergelatineabzug 106x160cm