
Macht und Ritual
Die Wirtschaftsgipfel
Der EU-Gipfel Anfang Juni 1999 in Köln und zwei Wochen später das Treffen der Chefs der acht größten Industrienationen zum Weltwirtschaftsgipfel G8 vereinnahmten die ganze Stadt.
Aufgrund bescheidener Infrastrukturen, notwendiger Sicherheitsmaßnahmen und der enormen Anzahl von mehreren tausend Journalisten war es kaum möglich, hinter die Kulissen der Wirtschaftsgipfel zu schauen. Für die Pressevertreter wurde ein Pressezentrum mit improvisierten »Schreibstuben« und Pressekonferenzen eingerichtet, in dem eine scheinbare Nähe zur Weltpolitik simuliert wurde. Jede Begegnung war und musste aufgrund der Vielzahl an Akkreditierungen kanalisiert und begrenzt werden.
Bis zu hundert Fotografen konnten sich in einem Pool befinden und waren gezwungen, rechtzeitig ihre »besten« Plätze einzunehmen und vor allem nicht wieder zu verlassen. Die erste Reihe bot die beste Möglichkeit zur optimalen Wiedergabe der vorgesehenen Selbstinszenierung und wurde meist von den Fotografen der großen Nachrichtenagenturen eingenommen. Die Bilder waren durch ihre zeitliche und räumliche Rahmung sowie durch die Bedürfnisse der wichtigsten Multiplikatoren bereits vor dem Ereignis weitgehend festgelegt: Ankunft, VIP-Eingang, Round Table, Interviews, Pressekonferenzen und Familienfoto bestimmten, welche Bilder entstehen konnten.
Die Bewegungsfreiheit des Fotografen war eingeschränkt, der mögliche Blick auf das Ereignis bereits organisiert. Dennoch wurden auch innerhalb jener Begrenzungen unvorhersehbar Beziehungen, Gesten und Zwischenräume sichtbar, die sich vom Blick der offiziellen Inszenierung lösten.
Fotojournalismus und die Illustrierte zum Reingehen
In einer zweiten experimentellen Zusammenarbeit mit dem Büro für Fotos (der späteren Van der Grinten Galerie) wurde der Gedanke einer »Illustrierten zum Reingehen« weiterverfolgt. Gleichzeitig fotografierte ich im Auftrag der Wochenzeitung DIE ZEIT. Ähnlich wie bei den ein Jahr zuvor in der Galerie gezeigten Wahlkampfritualen wurden auch hier die Ergebnisse während der laufenden politischen Ereignisse als Vintage Prints in der Galerie ausgestellt und täglich aktualisiert.
In der Ausstellung wurden deshalb nicht nur die ausgewählten Fotografien gezeigt, sondern auch der Arbeitsprozess offengelegt. Kontakte, Arbeitsabzüge, Publikationen und Konzept lagen zur Einsicht bereit. Die »Illustrierte zum Reingehen« hatte damit zugleich fast eine Atmosphäre einer begehbaren Bildredaktion, in der sich die subjektiv fotografierte Wirklichkeit des politischen Ereignisses für die Betrachter umfangreicher erschließen konnte.
Abzüge
Vintage Silbergelatineabzüge auf Baryt
unterschiedliche Formate 24×30 cm bis 80×120 cm
Folgendes Bild: Einladungskarte der Fotoausstellung: Warten auf das Familienfoto, Eurogipfel Brüssel, 1998