Macht und Ritual – Wahlkampfrituale
Wahl Kampf Ritual
Fotografien aus den elf Bundestagswahlkämpfen
der Jahre 1987 bis 2025
Die Kundgebungen der Bundestagswahlen sind ein idealer Anlass, Strategien der Inszenierung und Selbstinszenierung quer durch alle demokratischen Parteien zu erkunden. Die medienwirksamen und auf Politiker rückwirkenden Wahlkampfrituale könnten eine moderne Form des Theaters sein, wenn es da nicht um die erste Position im Staate gehen würde.

In über vierzig Jahren veränderten sich nicht nur Politiker und politische Inszenierungen, sondern auch die Räume meiner Begegnung mit ihnen, meine fotografischen Handlungsmöglichkeiten und die medialen Bedingungen, unter denen die Bilder entstanden und verbreitet wurden. Mit jedem Wahlkampf veränderten sich Bühne, Räume, Distanzen und Akteure. So ergibt sich über die Jahre eine fotografische Zeitreise durch Inszenierungen der Rituale der Macht, von ersten Fotografien 1984 bis in das Jahr 2025, mit der die Serie nun abgeschlossen ist.
1985
1985 – Der Auslöser der Serie war eine Wahlkundgebung der SPD auf dem Alter Markt in Dortmund mit Johannes Rau, Hans Jochen Vogel und Oskar Lafontaine. Mehr oder weniger zufällig nahm ich diese fotografische Gelegenheit wahr. Die Zuschauer standen unmittelbar vor der Bühne und zu meiner Überraschung konnte ich AUF der Bühne direkt neben Oskar Lafontaine stehend, inmitten der Szenerie unbekümmert fotografieren. Diese freie Spontanität ist heute undenkbar.
Aus der Perspektive eines Fotografen liegt die Veränderung der Wahlkämpfe in der Freiheit der Handlungsmöglichkeiten und wie man selbst in ein mediales Ritual eingebunden ist. Das verändert die Fotografie. Aber galt die damalige Bewegungsfreiheit im Raum auch für die Wahrnehmung des Geschehens?
1987
»Die Macht ist nicht etwas, was man erwirbt, wegnimmt, teilt, was man bewahrt oder verliert; die Macht ist etwas, was sich von unzähligen Punkten aus und im Spiel ungleicher und beweglicher Beziehungen vollzieht.«
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1987 – Noch waren die Zugänge zu den Politikern frei. Die Gesten waren bescheiden in ihren Bedeutungen. Noch waren theatralische Armbewegungen und seltsam verrenkte Haltungen mit alten Erfahrungen verbunden. Johannes Rau (SPD) hatte die Wahl gegen Helmut Kohl (CDU) verloren. Bei der Wahlparty der SPD in Bonn war die Emotion des Verlierers nach Bekanntgabe der ersten Hochrechnung deutlich sichtbar. Die räumliche Nähe machte es möglich, inmitten des Chaos ihn in seinem Moment der Leere festzuhalten.
Es scheint: Die Politiker können in ihrem Verhalten authentisch bleiben, ohne befürchten zu müssen, wegen eines Lachens für Tage in den medialen Headlines zu stehen.
1990
1990 – Blumen. Es ist der erste Wahlkampf nach der Wende. Helmut Kohl inszeniert sich als Mahnmal der Stärke. Die Hierarchien sind deutlich. Der Unterschied in der Augenhöhe Kohls zu seinen Wählern vergrößerte sich vertikal um einige Meter. Die Blumen finden sich immer noch als Gewohnheit bei der SPD ums Rednerpult. Ebenso ist die horizontale Distanz Lafontaines zu seinen Wählern um einige Meter vergrößert. Das zuvor auf ihn verübte Messerattentat einer »Blumenfrau« verschärfte die Sicherheit.
Für das Fotografieren verengt sich der Raum der Bewegungsfreiheit, selbst wenn die Serie im Auftrag einer Illustrierten entstehen sollte.
Der ostdeutsche Politiker Gregor Gysi muss erstmalig einen demokratischen Wahlkampf führen, bei dem die Ergebnisse nicht wie von sozialistischer Geisterhand vorherbestimmt sind. Er steht zwischen zwei Tischen zum Diskurs bereit und fasst sich in seiner neuen politischen Rolle an den Hals.
1994
1994 – Die Lust an einer Inszenierung des Abendmahls scheint an Bedeutung zu gewinnen. Helmut Kohl sitzt nahezu unerreichbar für die Wähler inmitten seiner Apostel. Irgendjemand wird ihn später verraten.

Johannes Rau und Helmut Schmidt sind sich ihrer Pose bewusst und spiegeln einander. Die SPD platziert zwar mehr Apostel auf der Bühne, diese sind aber nach Relevanz nach hinten sortiert und werden aufgrund der Höhe der Bühne für die Wähler nahezu unsichtbar. Einerseits finden sich die Gesten und räumlichen Anordnungen der Gewohnheiten chauvinistischer Macht wieder, aber andererseits beginnt sie sich bereits mit einem lockeren Entertainment zu umgeben.
1998
1998 – Der Ring. Helmut Kohl hinterlässt eine eigenartige Stille in seiner Partei, während Gerhard Schröder Fahrt aufnimmt, um von Links (von ihm aus gesehen) ungebremst die Mitte zu verfehlen. Die Aufstellung der Bodyguards erinnert an die Türsteher des Kölner Milieus.
Die Bewegungen aller im Raum verändern permanent die Wahlmöglichkeit der Zeichen. Wenn ich nach Roland Barthes ein Punktum in den Fotografien aus dem Wahlkampf 1998 benennen müsste, wäre es der Ring von Joschka Fischer, der auf den Übergang von einer autoritären Welt hin zu einer Zivilisation einer gleichberechtigten und vielfältigen Gesellschaft verweist.
Alles schien möglich, jedoch nicht: ein Zurück in ein weit davor.
»Und doch findet er zu Lösungen, die das Vertraute in einen neuen Kontext rücken und dadurch in seiner Selbstverständlichkeit ins Wanken bringen. Er entlarvt die Politik als Theater. Kühne Ausschnitte, mutige Perspektiven, eine nicht alltägliche Low-key-Asthetik relativieren den Glanz derer, die gewohnt sind im Licht und im Mittelpunkt zu stehen. Kohl gegen Schröder, Schäuble gegen Lafontaine – Bernd Arnold zeigt sie als ›rhetorische Figuren‹: eindeutig und zugleich austauschbar. Bernd Arnold hat Politik fotografiert, ein konkretes Ereignis. Doch seine Bilder weisen über den Event hinaus. Man wird sie noch mit Staunen mustern, wenn andere regieren. Wer auch immer.«
Hans-Michael Koetzle: Choreographie der Macht, Leica World 1/2000
2002
2002 – War da was? Edmund Stoiber verliert gegen Gerhard Schröder.
Vor Angela Merkels »Image-Wandlung« für die spätere Kanzlerkandidatur, kündet sie in der Kölner Fußgängerzone vom Besseren. Trotz mehrmaliger Versuche gelingt es mir nicht wirklich, das Bild in Schwarzweiß umzuwandeln. Es ist die Ruhe vor der sich beschleunigenden digitalen Zeitenwende, die die Fotografie, aber noch viel mehr die Politik verändern wird.
2005
2005 – Die Frau aus dem Osten. Es sind nur drei Jahre vergangen, aber für die Fotografie hat sich in dieser Zeit ALLES verändert. Fotografiert wird jetzt analog-tradiert auf einem digitalen Bildträger.
Helmut Kohl sitzt nun in der zweiten Reihe. Das Abendmahl-Bildnis ist in verräterischer Weise zugunsten einer lockeren Aufstellung mit Angela Merkel im Mittelpunkt gewichen. Gregor Gysi hat sich in der BRD etabliert und hebt die Linke. Gerhard Schröder nähert sich gestisch seinem russischen Freund und dessen autokratischer Macht an.
2009
2009 – Die Gesten. Frank-Walter Steinmeier findet seine Hochform im Theatralischen, während Angela Merkels gestische Kraft im Dezidierten liegt. Sahra Wagenknecht scheut noch den Wahlkampf, während Oskar Lafontaine und Guido Westerwelle den sie umgebenden Raum mit unerwarteten Zeichen füllen.

Die Digitalisierung zwingt die Fotografierenden, ihre Daten, während die Politisierenden sich noch mitten in ihrer Rede befinden, zügig zu senden. Auf den Displays in den Redaktionen rauschen täglich tausende Fotos in Briefmarkengröße vorüber. Wie viel Zeit bleibt für das akribisch extrahierte Detail aus der Wirklichkeit, um gesehen zu werden?
Das Theatralische in der Politik
»Prägnanter ist sein Vorgehen wohl nicht zu beschreiben. Arnolds steten Impuls, gesellschaftlich relevante Rituale der Gegenwart zu erkunden, mag man vielleicht am besten als ›visuelle Soziologie‹ bezeichnen.
Insbesondere die Bilder der sieben Bundestagswahlkämpfe, die er bisher begleitet hat, legen einen kalten Blick auf das komplexe Gewebe von ausgeklügelten Inszenierungsstrategien frei, um wie mit einem Seziermesser ins Innere, ja Wesenhafte dieses politischen Phänomens vorzudringen. Das tut nicht selten weh. Posen statt Verlautbarungen, Gesten statt Versprechungen, Mimen statt Worte treten unerwartet hervor, wenn eine uns sattsam bekannte Politikerelite in den Blickpunkt der Analyse gerät. Anschnitte, Blendungen und Leerstellen gehören hierbei zu den stilistischen Einsatzmitteln.
Das anachronistische Schwarzweiß, wie man es aus der Reportagefotografie vergangener Tage kennt, wird hier ebenfalls instrumentalisiert, um Nebensächlichkeiten zu eliminieren. Das Bildresultat geht ins Mark: Denn das Theatralische der Politik verdichtet sich zu einer existentiellen Parabel über Maske und Mensch, über den unerbittlichen Willen zur Macht um den Preis von Leere und Einsamkeit.«
Christoph Schaden in Freelens Magazin, Nr. 30, 2010
2013
2013 – Halten. Es beginnt die Zeit des Festhaltens, das zukünftigen Politikern Arbeit hinterlassen wird. Peer Steinbrück, Gerhard Schröder und Angela Merkel halten fest, was noch da zu sein scheint.
Wahlkämpfe als Metapher
»Wie ›Pressefotografie‹ aussehen könnte, wenn unsere Zeitungen mutiger, unsere Supplements politischer, unsere Zeitschriften innovativer wären, das zeigt der 1961 geborene Bernd Arnold (Das Kölner Heil), der die Republik da erkundet, wo das politische Geschäft ins Symbolhafte mutiert. Seine Bildsprache ist dunkel, visionär. Kühn die Anschnitte. Er liebt die Kunst der Andeutung. Libération hat dergleichen gepflegt. Immerhin gibt es jetzt ein Buch als Appetizer – großartig.«
Hans-Michael Koetzle: Photo International, 2/2014
2017
2017 – Glaube und Distanz sind eine ungewohnte Wortkombination im demokratischen Wahlkampf. Doch wenn Rituale der Macht kaum merklich die Inhalte überlagern, wirken Angela Merkel, Sahra Wagenknecht und Christian Lindner mitunter seltsam entrückt.
Und mit einer inszenierten räumlichen Distanz bleibt Martin Schulz im medialen Stimmengewirr wie auch in der eigenen Partei unerhört.
2021
2021 – In der Schwebe. Die Inszenierungen wurden hemdsärmelig, zugleich räumlich rund und flach. Als Olaf Scholz,
Annalena Baerbock, Robert Habeck und Christian Lindner um die Macht kämpften, ahnten sie wohl kaum, welche unfassbar tiefgreifenden Entscheidungen ihnen noch bevorstehen sollten. Armin Laschet hatte wohl, als Folge eines Lachens zum falschen Zeitpunkt, letztlich verdammtes Glück gehabt, nicht Bundeskanzler werden zu müssen.
2025
2025 – Stille.
Im Kampf um Macht ist die Demokratie selbst zum Gegenstand der Auseinandersetzung geworden. Das wird in Erschöpfung sichtbar. Nach elf Bundestagswahlen stellt sich unerwartet die bisher kaum vorstellbare Frage: Wird sich die Demokratie gegen die erstarkenden Autokratien behaupten können?

Fotobuch
Wahl Kampf Ritual
113 Fotografien (1984–2013) und 10 Illustrationen, Text Christoph Schaden, Gestaltung Knut Schötteldreier, 192 Seiten, Verlag Edition Panorama, Mannheim 2013
Edition
Edition – So habe ich es gesehen
Über die zukünftigen Bilder politischer Ereignisse und deren Wahrnehmung, Künstlerzeitung #3, Köln 2022
Texte zur Fotografie
Choreographie der Macht
Hans-Michael Koetzle, Leicaworld 1/2000
Eröffnungsrede Macht und Ritual
Rede von Dr. Christoph Schaden, Stadtmuseum Köln 2006
Die Wirkkraft des fotografischen Bildes
Stefanie Lieb, Zwischenraum 01/2014
Essays
Über die Zukunft der Fotografie
Im Zeitalter Künstlicher Intelligenzen
Essay, 28 Fotografien und 5 Abbildungen
Klappenbroschur, 14,5 cm x 19,8 cm, 352 Seiten, morisel, 2026 Neu!
Die Welt der Neuen Bilder
Dokumentarfotografie und KI
Essays, 25 sw Abbildungen, 144 Seiten, morisel, 2023
Abzüge
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unterschiedliche Formate 24 × 30 cm bis 80 × 120 cm