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Stadtmuseum Macht und Ritual

Rede zur Eröffnung der Ausstellung
»Bernd Arnold - Macht und Ritual«

am 3. März 2006 im Kölnischen Stadtmuseum
von Dr. Christoph Schaden.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Freunde der Fotografie,

haben Sie herzlichen Dank für die Möglichkeit, Sie in die fotografische Ausstellung einzuführen, die wir hier im Kölnischen Stadtmuseum eröffnen. Heute Abend - Sie haben es auf der Einladungskarte vermutlich gelesen - geht es um MACHT & RITUAL. Das ist ein sehr anspruchsvoller Titel, der zunächst wohl eher an eine Dissertation im Fachbereich Soziologie denken lässt als an eine fotografische Ausstellung. Dieser Titel operiert nicht nur mit zwei abstrakten Begriffen, die es in ihrem Sinngehalt erstmal zu erfassen gilt. Er will uns darüber hinaus offenkundig auch mitteilen, dass die Bilder dieser Ausstellung von einem bestimmten Blickwinkel aus in Augenschein zu nehmen sind. Macht und Ritual lautet also der Titel einer Ausstellung, die uns vermutlich im besten Sinne herausfordert. Lassen Sie mich daher zunächst einen Gedanken zitieren, der eine erste Fährte zum Verständnis dessen legt, mit dem wir es heute zu tun haben.

Die Macht ist nicht etwas, was man erwirbt, wegnimmt, teilt, was man bewahrt oder verliert; die Macht ist etwas, was sich von unzähligen Punkten aus und im Spiel ungleicher und beweglicher Beziehungen vollzieht.

Das sagte einmal Michel Foucault.

Sein Gedanke ist ein wunderbares Entrée, denn er verweist auf genau zwei Aspekte von Macht, die gemeinhin übersehen werden. Zum einen, dass sich Machthandlungen allein in Systemen offenbaren können. Beim Spezies Mensch heißt das ganz konkret: in komplexen gesellschaftlichen Systemen. Und Stadtmuseum Macht und Ritual zum anderen, dass sich Macht eben "im Spiel ungleicher und beweglicher Beziehungen vollzieht", wie der berühmte französische Philosoph betont. Das heißt, Macht enthält ausnahmslos immer einen Aspekt von Kommunikation und Interaktion. Das mag zwar sehr abstrakt klingen, ist jedoch unserer Erfahrung vertrauter, als wir uns vielleicht eingestehen wollen. So auch jetzt und hier. Es zählt nämlich zu den Ritualen einer Ausstellung, dass sie eröffnet wird. Das System, indem wir uns gerade befinden, nennt sich Kunst, ein einziger redet und bedeutet das Gezeigte, während andere zuhören. Auch so ein Moment wie dieser enthält also durchaus einen Aspekt von Macht.

Mir wurden die beiden Machtaspekte, also der systemische wie auch der dialogische, schlagartig klar, als ich vor rund zehn Jahren Bernd Arnold kennen lernte und er mir seine fotografischen Arbeiten zu dem ganz eigenwilligen Katholizismus dieser Stadt vorlegte. Sie sehen hier eine Reihe dieser faszinierenden Schwarzweißbilder links vom Eingangsbereich. Es sind Bilder, die schon auf den ersten Augenblick ein klar definiertes System analysieren. Es handelt sich um das römisch-katholische Milieu im spezifischen Umkreis des Kölner Doms. Inwieweit dieses unverwechselbare Glaubenssystem das Wesen und Selbstbewusstsein dieser Stadt geprägt hat, brauche ich an so einem Ort wie diesem hier wohl nicht zu erläutern. In Anlehnung an ein Zitat von Hugo Borger haben wir das Fotobuch, das 1997 erschienen ist, denn auch DAS KÖLNER HEIL genannt. Was sich in den Bildern thematisiert findet, weist jedoch weit über das Ortsspezifische hinaus. Der Soziologe Niklas Luhmann nannte das System der Religion sinngemäß einmal ein System, indem es zwischen Verdienst und Gnade das Heil zu erlangen gilt. Schon wieder so ein polares Begriffspaar, mögen Sie vielleicht denken. In der Tat ist Polarität das strukturelle Leitprinzip dieser Ausstellung. Denn im dialogischen Disput erfassen die Bilder von Bernd Arnold schon auf den ersten Blick die beiden polaren Bezugsgruppen des Religiösen. Also diejenigen, die die Macht haben, das Heil zu verkündigen, und diejenigen, die das Heil empfangen möchten. Es ist bezeichnend, wie vehement dieses Erlösungssystem in den Gesichtern und Körpern der Gläubigen abzulesen ist. Auf den zweiten Blick legen die Bilder von Bernd Arnold mit beeindruckender analytischer Schärfe die Instrumente frei, mit denen die Heilsmacht kommuniziert wird. Es sind in der Fotografie, die ja nur mit dem Sehsinn arbeiten kann, natürlich allesamt nonverbale Instrumente, also meistens Gesten, Posen und gewisse Aufstellungen und Konstellationen im Raum, die im Sinne eines bestimmten Codes auf ganz bestimmte Weise Bedeutung und Macht evozieren. Stadtmuseum Macht und RitualWomit wir bei dem zweiten Begriff angelangt wären, um den es heute geht: Das Ritual.

Nun, wir alle kennen Rituale und praktizieren sie täglich. Und wir alle setzen das Ritual auch mit dem Religiösen in Bezug. Schlägt man in den Lexika nach und sucht einmal nach dem eigentlichen Sinngehalt dieses Begriffs, dann stößt man früher oder später auf seine interessante wortgeschichtliche Bedeutung. Denn das Ritual leitet sich von dem lateinischen Wort Ritus ab. Ein Ritus gilt als äußeres, sichtbares Zeichen einer inneren und geistigen Gnade. Ein ersehnter Zustand, der zunächst rein gar nichts mit Macht zu tun zu haben scheint. Doch ist eine solch privilegierte Geisteshaltung eben Ausgangspunkt von ritualisierten Handlungen, die das Verinnerlichte noch Außen vermitteln sollen. Das Ritual zeigt, was es verbirgt, sagte hierzu einmal Lars Clausen. Wir befinden uns also einmal mehr in einem Kosmos des Verweisens und Bedeutens, und einmal mehr stellt sich die Frage, wer für sich oder auch andere die Macht beansprucht, dies zu tun. Wenn Ihnen das, was ich bisher gesagt habe, jetzt allzu abstrakt oder auch religiös anmutet, dann kann ich Ihnen nur empfehlen, die fotografischen Bilder in diesem Raum sorgsam in Augenschein zu nehmen. Nach seinem KÖLNER HEIL-Projekt hat Bernd Arnold in Einklang mit dem Machtbegriff von Michel Foucault nämlich völlig unterschiedliche soziologische Systeme aufgesucht.

Am besten können diese Systeme wohl mit den Schlagwörtern Religion, Politik, Wirtschaft, Medien und Eros bezeichnet werden. Was er in diesen Systemen, die uns ja durchaus medial vertraut sind, jeweils vorgefunden hat, das sind völlig unabhängig von konkreten Figuren soziale Codierungen, die in ihren Ritualen und Machtverhältnissen auffällige Parallelen zur religiösen Heilswelt aufweisen. Worin diese Parallelen bestehen, können Sie selbst entdecken, wenn Sie zum Beispiel allein die gestischen Äußerungen in den unterschiedlichen Systemen miteinander vergleichen. Die These dieser Ausstellung ist letztlich so provokant wie anregend. Macht und Ritual bestimmen weitgehend die Handlungsfelder einer Gesellschaft, die sich modern und aufgeklärt nennt. In der Summe wirkt diese Ausstellung, die aus nicht weniger als 25.000 Bildern zusammengestellt worden ist, wie ein zutiefst pessimistischer Gesellschaftsentwurf. Nun wäre es verkannt, die Qualität der Bilder von Bernd Arnold auf das Analytische zu beschränken und nur das Motivische und Inhaltliche Stadtmuseum Macht und Ritualanzuführen. Eine gute Fotografie kann bekanntlich wie ein Seziermesser dienen. Wer seine Aufmerksamkeit auf den ästhetischen Bildtransfer richtet, der wird rasch bemerken, dass Bernd Arnold in seinen Fotografien mit fast chirurgischer Präzision eine Bildsprache ausgeformt hat, die im Bildjournalismus als einzigartig gelten kann. So schneidet er im Bild bewusst Menschen an, um ihre Rolle als Funktionsträger freizulegen. Er richtet den Blick immer wieder nach unten, wo sich im Spiel der Hände komplexe Handlungsmuster abzeichnen. Oder er minimalisiert Bildräume, um ein scheinbar nichtiges Detail herauszustellen. Dies alles dient dem genannten analytischen Konzept, entfaltet aber in seiner suggestiven Bildwirkung zugleich eine Sogkraft, die düster und nihilistisch stimmt. Par excellence zeigt sich das in seiner wohl berühmtesten Aufnahme jenes Bischofs, hier am Eingang platziert, der als Zeichen der Macht einzig seinen Bischofsring preisgibt. Da wir uns ja in einem Stadtmuseum befinden, möchte ich zum Schluss gerne darauf hinweisen, dass bis auf wenige Aufnahmen eines Dortmunder SPD-Parteitags alle Fotografien in Köln entstanden sind. Inwieweit das Gezeigte hier auch die Machtstrukturen ein städtisches System freilegt, möchte ich gerne Ihnen überlassen.

Was sagte noch einmal Michel Foucault? Die Macht ist etwas, was sich von unzähligen Punkten aus und im Spiel ungleicher und beweglicher Beziehungen vollzieht.
In diesem Sinne wünsche ich uns einen anregenden Abend.

Rede von Christoph Schaden zur Eröffnung der Ausstellung MACHT UND RITUAL

Text © Christoph Schaden
Fotografien © Bernd Arnold

Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit van der grinten Galerie, Köln. Hier geht es zum Einleitungstext von Franz van der Grinten.

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